Saller + Maurer

das ist das Museum

Dinge und Leben

Eine Kindheit und Jugend in Albisrieden

anhand von 26 Gegenständen und den Geschichten, die an ihnen haften


! Besuch in Adliswil bald möglich, dazu gehörendes Büchlein demnächst erhältlich !


Foto: Toni Saller, 2021

Einmal im Jahr machte mein Vater eine eigene 'Metzgete', ich musste dann jeweils die Blut- und Leberwürste in Albisrieden an Liebhaber, darunter auch mein erster Primarschullehrer, verteilen. Der hiess Güttinger und war beliebt bei den Eltern wegen seiner Examen. Farbenprächtige Wandtafeln waren sein Markenzeichen. Ich war ein guter Schüler, zweifellos, aber da war, wie er die fauleren und aufmüpfigeren behandelte: Er schmiss sie kurzerhand vor die Türe! Eine Demütigung, die ich und viele andere nie vergessen werden: Wer schwatzte, musste einen schwarzen 'Schwätzbäsirock' anziehen und durch die Klasse laufen. Auch 'Tatzen' mit dem Lineal gehörten zu seinem Repertoire. Dabei war ich nicht nur wegen der Blutwürste und der Tatsache, dass seine Frau im Bell, wo mein Vater arbeitete, einkaufen ging, in einer besonderen Lage: Er kam aus Rafz wie meine Mutter und hatte einen Erzählband mit lustigen Geschichten aus dem Dorf herausgegeben. Eine hiess: 'Herr Neukom, sie frässets'. Dabei ging es um Lausbuben, die die Fastnachts-Weggen an Säue verfüttert haben. Damit begeisterte er an einer Lesung natürlich alle Eltern. Meine Mutter war eine geborene Neukom und mein Bruder ging mit Güttingers Sohn in die Schule. Später habe ich mit diesem Sohn dann Ethnologie studiert, er war ein feiner Kerl, aber er hatte zu kämpfen, das war offensichtlich. Leider verstarb er noch früher wie mein Bruder. Klar konnte ich zuhause bei soviel Verstrickungen über diesen vorbildlichen Lehrer nicht sprechen, und es blieb nur: Die Verdrängung.

Mein Vater war beim Bell in Zürich angestellt, aber in der Gegend von Rafz immer noch als guter und zuverlässiger Metzger bekannt, hier hatte er schliesslich noch in den 30er Jahren seine Lehre im 'Kreuz' mit Bravour bestanden. Einige riefen ihn manchmal, wenn es etwas zu schlachten gab. Dafür hatte er dieses eigene Set von Messern, denn ein richtiger Profi wie er schwört auf die eigenen Messer, so wie ein Billardspieler auf sein eigenes Queue. Im Keller liegen noch zwei schwere Beile für die ganze grobe Arbeit. Endlich weiss ich, woher der Ausdruck 'Knochenarbeit' kommt.

(Ausschnitt aus dem demnächst erscheinenden Büchlein 'Dinge und Leben')


Toni Saller